Glaubensfest bis in den Tod

Bild
grün eingefärbtes Bild, weiße Sprechblase mit "Heute vor 500 Jahren"

Heute vor 500 Jahren ...

… wurden in Brüssel die ersten protestantischen Märtyrer Hendrik Vos und Johannes van Esschen auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Mit einem Lied setzte Luther ihnen ein Denkmal.

 

Ein abschreckendes Beispiel

Die beiden Mönche gehörten dem Augustinerkloster in Antwerpen an. Dort hatte Luthers Reformation schon früh Fuß gefasst. 1521 waren Vos und van Esschen offenbar für einige Zeit an das Augustinereremitenkloster in Eisleben entsandt worden, von wo sie reformatorische Glaubensüberzeugungen mit nach Antwerpen brachten und dort verbreiteten. Die Obrigkeit reagierte prompt: Am 29. September 1522 inhaftierte man zunächst den Propst des Antwerpener Klosters, später auch mehrere Mönche, darunter Vos und van Esschen.

Ein aufwändiges Inquisitionsverfahren folgte. Standfest blieben die Augustinermönche bei ihrem Bekenntnis zum neuen Glauben. Im Januar 1523 wurden weite Teile ihres Klosters zerstört. Am Mittwoch, den 1. Juli 1523, verbrannte man Hendrik Vos und Johannes van Esschen öffentlichkeitswirksam auf dem Grote Markt in Brüssel als Ketzer.

 

Musik als Form des Protests

Die Nachricht von der Hinrichtung seiner Glaubensbrüder musste Luther erschüttern. Sie erlitten das Schicksal, das auch ihm und allen Anhängern der Reformation drohte. Als Antwort komponierte er „Ein neues Lied wir heben an“, in dessen Text er den Leidensweg der beiden Mönche beschrieb und das Vorgehen der Kirche scharf kritisierte.

Luther wusste, wie er sich und seiner Reformation Reichweite verschaffen konnte. Lieder waren die sozialen Medien seiner Zeit. Überall, wo Menschen zusammenkamen, wurde gesungen: in den Straßen und Gassen, bei der Arbeit auf dem Feld und in den Werkstätten. Reisende und wandernde Gesellen teilten ihre Lieder in den Wirtshäusern mit Einheimischen. Sogenannte Bänkelsänger zogen von Stadt zu Stadt und gaben auf den Märkten Erzähllieder wie Balladen oder Moritaten zum Besten. Ihre Gesänge waren vertonte Nachrichten, meist versehen mit einer moralischen Botschaft. Eingängige Melodien sorgten für die schnelle Verbreitung über Stadt- und Standesgrenzen hinweg.

 

Wie man Märtyrer erschafft

Luther nutzte dieses Format für sein Protestlied, um das Schicksal seiner Mitbrüder überall bekannt zu machen. Geschickt emotionalisierte er im Text das Geschehen: Die beiden Mönche werden angesichts des übermächtigen Feinds zu Knaben, obwohl zumindest van Esschen zu diesem Zeitpunkt um die 30 Jahre alt war. Die priesterliche Entweihung vor ihrer Hinrichtung wird durch Gottes Gnade rückgängig gemacht. Denn ihr Feuertod macht sie zu wahren Priestern, die „zum Himmel kommen frei und rein“, wie es in der sechsten Strophe heißt.

In Luthers Lied geht es aber nicht nur um Geschichte und Moral. Er wusste sein Protestlied auch für seine Zwecke zu nutzen. Mit den von ihm als „Märtyrer“ bezeichneten Mitbrüdern, die furchtlos für den neuen Glauben in den Tod gingen, machte er sie zu strahlenden Vorbildern der Reformation.

 

Musik als Waffe

Die Musik selbst spielt in Luthers Lied eine zentrale Rolle. Der Gesang wird bei ihm zum Glaubensbekenntnis. In der achten Strophe lässt er die beiden Mönche – sehr zum Befremden ihrer Henker – singend in den Tod gehen:

Mit Freuden sie sich gaben drein,
mit Gottes Lob und Singen,
der Mut ward den Sophisten klein
vor diesen neuen Dingen,
da sich Gott ließ so merken.

In seinem Lied machte Luther auch eine Prophezeiung: Der Gesang ist über jede Unterdrückung des neuen Glaubens durch „den Feind“, also die alte Kirche, erhaben. In der später hinzugefügten zehnten Strophe heißt es:

Die er [der Feind] im Leben durch den Mord
zu schweigen hat gedrungen,
die muss er tot an allem Ort
mit aller Stimm und Zungen
gar fröhlich lassen singen.

Es war eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Das Lied verbreitete sich und mit ihm der Ruhm der beiden ersten protestantischen Märtyrer.

 

Vom Marktplatz in die Kirche

Nur ein Jahr nach der Hinrichtung der beiden Augustiner erschien „Ein neues Lied wir heben an“ in Walters Geistlichem Gesangbüchlein,* dem ersten evangelischen Chorgesangbuch. Luthers musikalischer Protest wurde zu seinem ersten Kirchenlied, dem noch viele weitere folgen sollten. Er erkannte das breitenwirksame Potenzial des Gesangs und machte mit seinen Kompositionen die Reformation auch zu einer Singbewegung. „Ein neues Lied wir heben an“ bildet hierzu den Auftakt. Singend lässt er darin seine Mitbrüder in den Tod gehen, durch den Gesang werden sie unsterblich.

 

* Alle zitierten Strophen stammen aus diesem Buch und sind in modernes Deutsch übertragen. Die Originalfassung des Liedtextes kann man hier nachlesen.