Wunderzeichen für die Reformation
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt
Ungefähr heute vor 500 Jahren …
veröffentlichten Martin Luther und Philipp Melanchthon die Doppelflugschrift „Deutung der zwo grewlichen Figuren Bapstesels zu Rom und Munchkalbs zu Freyberg in Meysszen funden“. Die beiden Autoren machten sich in dieser Schrift den Glauben an Wunderzeichen im ausgehenden Mittelalter für die Reformation zu Nutze.
Illustriert mit zwei Holzschnitten Cranachs d. Ä. präsentierten Martin Luther und Philipp Melanchthon ihrer Leserschaft zwei merkwürdige Gestalten: ein aufrecht stehendes Kalb, das durch seine Missbildungen an einen Mönch erinnerte, und ein kaum zu benennendes Wesen mit Eselskopf und Frauenkörper. Beide Wesen waren bereits durch Abbildungen und Beschreibungen bekannt – und sie waren gedeutet worden.
Vorzeichendeutung in der frühen Neuzeit
Eine weit verbreitete Kulturtechnik in der frühen Neuzeit war die Vorzeichendeutung. Ungewöhnliche Veränderungen am Himmel oder auf der Erde, so glaubte man, waren Botschaften Gottes, denn nur er konnte die Schöpfung verändern. Und so wurden unbekannte Naturphänomene und Fehlbildungen bei Mensch oder Tier stets als göttliche Warnung oder Mahnung verstanden.
Flugblätter der Zeit zeigen zahlreiche Phänomene von doppelgesichtigen Monden, über Mensch-Tierwesen bis hin zu aus heutiger Sicht erklärbaren Zwillingspaaren mit zusammengewachsenen Körperteilen. Eine Mischung aus Sensationsgier und Endzeitangst verschaffte den gedruckten Abbildungen und ihren Beschreibungen einen reißenden Absatz.
So war es auch, als in Rom 1496 angeblich ein Wesen, halb Mensch, halb Tier aus den Fluten des über die Ufer getretenen Tiber gezogen wurde. Das Bild dieser Person mit Eselskopf verbreitete sich rasch und galt als Zeichen der Missbilligung Gottes gegenüber Papst Alexander VI. (1431 – 1503) und seinem ausschweifenden Lebensstil. Als Kupferstich von Wenzel von Olmütz mag das Bild des Papstesels nach Wittenberg gekommen sein.
Melanchthons Deutung des Papstesels
Auch Melanchthon deutet das Eselswesen in der Schrift „Deutung der zwo grewlichen Figuren Bapstesels zu Rom und Munchkalbs zu Freyberg in Meysszen funden“. Er bezieht es jedoch nicht auf eine konkrete Person, sondern auf das Papsttum im Allgemeinen und stellt so das Auftauchen des Papstesels in Rom in den Dienst der Reformation. Die Kreatur ist seiner Schrift zufolge ein Zeichen Gottes, um die Dekadenz von Papsttum und Kirche sichtbar zu machen. Der Eselskopf sitzt unpassend auf dem menschlichen Körper, so wie auch der Papst das falsche Oberhaupt für die Kirche ist. Brüste und Bauch symbolisieren die wollüstige Lebensweise innerhalb der Papstkirche. Die menschliche Hand besiegelt den Pakt mit dem Teufel und bindet die weltlichen Herrscher an den Papst, der Elefantenhuf zermalmt die Seelen der Christen. Neben diesen und weiteren Deutungen der merkwürdigen Attribute des Eselswesens übt sich Melanchthon auch in einer Vorhersage. Das Gesicht eines alten, bärtigen Mannes am Hinterteil deutet, so Melanchthon, auf das Ende des Papsttums hin.
Luthers Deutung des Mönchskalbs
Während Melanchthon sich eher zurückhält mit einer Zukunftsdeutung, steht die apokalyptische Auslegung in Luthers Text über das sogenannte Mönchskalb im Vordergrund. Vielleicht musste er schärfere Geschütze auffahren, denn ein missgebildetes Kalb, das aussieht wie ein Mönch, bot natürlich den Gegnern des Reformators und Augustinermönchs eine perfekte Vorlage.
Im Dezember 1522 hatte das besagte Kalb in Freiberg in Sachsen das Licht der Welt erblickt. Ein Flugblatt mit dem Titel „Dis wunderlich Thier“ informierte nur kurze Zeit später nüchtern über das Erscheinungsbild. Die Haut sei glatt und haarlos, ist hier zu lesen. Zu sehen ist ein Tier mit kahler Stelle am Kopf, die später als Tonsur gedeutet werden wird. Der Hautlappen am Rücken und das gefleckte Fell boten die Vorlage zur Interpretation als zerrissenes Ordensgewand.
Schon bald wurde das Auftauchen dieses fehlgebildeten Kalbs gegen Luther und als göttliche Offenbarung über sein ketzerisches Wirken interpretiert. Johannes Cochlaeus bringt das Kalb sogar mit einem Minotaurus aus der antiken Mythologie in Verbindung und schmähte den Reformator als menschenfressenden Stier.
Luther dreht die Deutung für seine Zwecke um. Das Kalb im Mönchsgewand, zeigt, dass Gott den Stand der Nonnen und Mönche als falsche Lehrer der richtigen Lehre entlarven würde. „Damit hatt er on zewyffel auff eym hauffen bedeut: das es bald offenbar werden muß, wie die gantze Muncherey und Nonnerey nichts anders sey denn ein falscher lugenhafftiger schein und eußerlich gleyssen eyns geystlichen gottlichen lebens" (WA 11, 381). Schlussendlich ist er sich sogar sicher, dass diese Entlarvung hiermit nun schon geschehen ist und das Ende des Papsttums bevorsteht.
Zwei greuliche Figuren im Dienst der Reformation
Der 1496 in Rom gefundene Papstesel und das 1522 in Sachsen geborene Mönchskalb: zwei Wesen, die weit entfernt voneinander und in sehr unterschiedlicher, ungewöhnlicher Gestalt auftraten. Der Papstesel ist sogar so ungewöhnlich, dass man bezweifeln muss, dass es ihn je gegeben hat. Beide reihten sich ein in den Kanon der als Gottes Zeichen gedeuteten Wunder der frühen Neuzeit. Und beide fanden ihren Weg in die gemeinsame Schrift Philipp Melanchthons und Martin Luthers, die es wie niemand anderes verstanden, diese Wunderzeichen in ihrer Aktualität passgenau auf den institutionellen Gegner, die Papstkirche, zu deuten.
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt
Der Bapstesel zu Rom und das Munchskalb zu freyberg, Lucas Cranach d. Ä, 1523